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JOURNALISMUS

Katka Räber - Schneider

Die Zeit

Keine Anleitung zur Herstellung von verlorener oder gestohlener Zeit

(gesendet am 26.10.2008 auf DRS 1)

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        Motto: „Die Zeit vergeht unterschiedlich, je nachdem mit wem“ (Shakespeare)

 

Vielleicht ist es tatsächlich ein Zeitverlust, sich Gedanken über den Lauf der Zeit  zu machen. Wir rennen der Zeit nach, sind ihr auf den Fersen, können sie aber nicht überholen.

Warum sollten wir auch. Es ist vielleicht sowieso höchste Zeit, Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ zu lesen, sich in Hunderten von Seiten zu verlieren. Oder ist es eher an der Zeit, sich Zeit zu machen, um einige Rezepte aufzuschreiben, wie Zeit eigentlich gemacht wird? Gibt’s einen Rat? Wieviele Gramm Geduld und wie viele Zehen Vergänglichkeit müssen zerdrückt und gut verrührt werden, ja vielleicht sogar zum Schäumen gebracht, gewürzt mit Vielseitigkeit und Einmaligkeit und dann in eine gut eingefettete Zeitzonenform gegossen, langsam gebacken, ohne dass man sich bei der alchimistischen Tätigkeit schämen müsste, dass man dem Herrgott die Zeit stiehlt. Und was, wenn es uns dann doch gelingt, sich Zeit zu machen? Aus dem Zeitauflauf könnte im Winter Sommerzeit entstehen, und so würde dann im Uhrzeigersinn ein Durcheinander zustande kommen, das auch Chaos genannt wird, das, wollen wir der griechischen Mythologie Glauben schenken, bereits vor der Entstehung der Erde da war.

 

Den alten Griechen nach war zu Beginn allen Geschehens einzig das Ur-Chaos da, ein leerer,  weiter Raum. Aus ihm sind dann die ewige Dunkelheit Erebos und die Nacht Nyx entstanden, aus deren Verbindung wiederum neben dem Schlaf und den Träumen auch die Übel der Welt hervorkamen, zu denen Verderben, Alter / Geras, Tod, Zwietracht, Ärger, Elend und Entsagung zählen. Aber auch die Freude, Freundschaft und Mitleid sind daraus hervorgegangen. Die Nyx wurde vom Wind, dem Aithir, befruchtet, er legte ein silbernes Ei in den Schoss der Dunkelheit, aus dem Eros schlüpfte. Erst später galt Eros als Sohn von Aphrodite und Ares. Seine Geliebte war Psyche. Gaia, die Urmutter Erde, schuf aus sich heraus Uranos, mit dem sie dann zwölf Kinder hatte, sechs Söhne und sechs Töchter. Aus diesem Geschlecht der Titanen stammen die olympischen Götter ab. Der jüngste der Titanen, Kronos  oder Chronos, der die Zeit verkörpert, später den Zeitabschnitt, was dann sprachlich in eine Chronik und ins Chronologische übergegangen ist, befreite schlussendlich sich selber und seine Geschwister aus der Gefangenschaft im Körper von Gaia und entriss Uranos die Herrschaft über die Welt. Chronos heiratete seine Schwester Rhea und hatte sechs Kinder mit ihr. Hestia, Demeter, Hera, Hades, Poseidon und Zeus. Aus Angst vor der Prophezeiung, dass er durch eines seiner Kinder vom Thron gestürzt wird, verschluckte er seine Kinder, bis auf den jüngsten Zeus, den Rhea durch eine List rettete. Der erwachsene Zeus lehnte sich dann gegen seinen Vater auf, entthronte ihn und befreite seine Geschwiser. Der jüngste Sohn von Zeus, Kairos, blieb auch als junger Mann kahlköpfig, mit einem Haarbüschel oberhalb der Stirn, an dem man ihn packen kann. Kairos ist die Personifizierung des richtigen, gelungenen, glücklichen Augenblicks, in dem wir gerade das, was nötig ist, machen sollten, einfach den Augenblick leben. Kairos hat Flügel an den Fersen und ist stets in Eile, wenn er sich in der  Nähe von Sterblichen bewegt. Wem es aber gelingt, ihn beim Vorbeigehen am Schopf zu packen, der erlebt einen glücklichen Augenblick. Wir kennen es aus der Redensart, die Gelegenheit am Schopf packen. Dabei geht es also um die Begegnung von Zeit mit dem Schicksal, der geheiligten Seelenzeit, die sich vom Alltag unterscheidet. Es geht um den unwiederholbaren, richtigen Augenblick, den man als Glücksmoment meist erst nachträglich erkennt. Kein Wunder bei den komplizierten olympischen Familienverhältnissen.

 

 

Ich erinnere mich an die Studienzeit, als ich einen Haufen Zeit für die Leichtigkeit hatte, für Nichtigkeiten, für scheinbar Unnötiges, für geheime und öffentliche Begegnungen, für Rendez-vous, für die Liebe und das Nichtstun. Ich hatte den Eindruck, Zeit wie Heu zu haben. Ich hatte Zeit im Überfluss, konnte sie totschlagen, sie abkürzen und sie mir einfach nehmen. Es war auf gar keinen Fall vergeudete Zeit.

 

 

Und jetzt? Die Zeit vergeht und manchmal eilt sie davon, aber von Zeit zu Zeit lege ich meine Armbanduhr ab, schalte das Telefon aus, lege das Handy zur Seite, lasse heisses Wasser in die Badewanne laufen und lege ein Time-out ein. Denn wie wir alle wissen, gibt es die Zeit des Pflanzens, des Lachens, des Sich Freuens und des Umarmens und leider auch des Abschiednehmens. Also gibt es auch die Zeit des Badens, des Spielens und des Zuhörens.

Ich möchte grundsätzlich nicht unpünktlich sein, versuche, die Zeit der anderen zu respektieren, denn sie ist genau wie auch meine Zeit kostbar und teuer. Auch wenn ich mich nicht der Redensart Zeit ist Geld unterwerfen möchte, gelingt es manchmal unserem Zeitmanagement, uns zu unterjochen. Während der Arbeitszeit darf von mir aus die Zeit arbeiten, aber während der Freizeit lasse ich gelegentlich die Zeit von der Leine und nehme mir Zeit für mich und die Freundschaften. Ich habe mir selber eine Freundschaft auf Lebzeiten versprochen, falls mir für die menschlich beschränkte Ewigkeit ein wenig Zeit bleibt. Gegen das Nagen der Zeit kann ich nichts unternehmen, der Zahn der Zeit verschont  niemanden, aber ganz verschlingen lasse ich mich noch nicht. Es heisst, dass die Zeit alles heilt. Obwohl also die Zeit ein guter Arzt ist, ist sie leider ein schlechter Kosmetiker, wie schon William Somerset Maugham bemerkte. Trotzdem bin ich tagtäglich neugierig darauf, welche Überraschungen die Zeit für mich in der Tasche bereit hält. Und vielleicht kann ich bald wieder eine günstige Gelegenheit am Schopf packen.

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